Gesungene Gebete

In Deinem Licht

„In Deinem Licht“ ist das Lied betitelt und greift damit die biblische Lichtsymbolik auf. Mehr als zweihundert Mal findet sich das Wort „Licht“ in der Heiligen Schrift. Es erweist sich mit seinen vielfältigen Bezügen zu den Propheten, zu den Psalmen sowie zu den Bildworten Jesu bis hinein in die christliche Liturgie als eine der tragenden Metaphern des biblischen Glaubens.

Solche Bedeutung kommt dem Bildwort auch in diesem Lied zu, wenn als Schlussrefrain nach jeder Strophe gleich viermal gesungen wird: „In deinem Licht sehn wir das Licht“. Es scheint, als sollte sich dieses Wort in das Herz der Sänger einprägen, damit es ihnen zum Leitwort, ja zur Gewissheit werde im Angesicht dessen, was die jeweiligen Strophen thematisieren.

Dieser Refrain zitiert den Halbvers Ps 36, 10b. Vom reinen Wortsinn her ist es eine seltsame Aussage. Kann man denn Licht überhaupt sehen? - „Licht sehen“ meint in biblischer Sprache so viel wie „leben“. Denn wer nach seinen Erdentagen seine endgültige Bestimmung in der Unterwelt, im Schattenreich des Todes, gefunden hat, sieht niemals mehr Licht (Ps 49,20), und das bedeutet „Tod“. Wahres Leben, so könnte man den Psalmvers lesen, findet nur, wer die Welt im Lichte Gottes sieht, also so, wie sie von Gott her zu sehen ist. Nimmt man noch den vorausgehenden Halbvers „Bei dir (d.i. Gott) ist die Quelle des Lebens“ (Ps 36,10a) hinzu, so verweisen die Bildworte „Licht und Le

ben“ als Zuschreibungen für Jesus Christus auf das Evangelium, mit dem Jesus „Leben in Fülle“ verheißt.

Dieses Leben ist aber immer angefochtenes und bedrohtes Leben. Die erste Strophe spricht diese Bedrohungen eher indirekt an, denn sie betont vor allem die schützende Nähe Gottes. Nach der Logik des Glaubens ist diese nämlich mächtiger als die Brüchigkeit des Lebens. Diese Zuversicht macht sich wieder in der Glaubenserfahrung Israels fest, die in biblischer Bildsprache in der ersten Strophe zitiert wird: die schützenden Flügel einer Vogelmutter (Ps 36,8) oder der kraftvolle Adler, der die Jungen auf seinen Schwingen vor der Gefahr rettet (Ex 19,4). Hier klingt das Urmotiv des Glaubens Israels an, die Befreiung durch den Exodus, mit dem Gott sein Volk in die Freiheit führt.

Das Lichtmotiv des Refrains weist auch auf die biblische Schöpfungsgeschichte hin. Gottes erste ordnende Tat ist ja sein Wort gegen Finsternis und Chaos: „Es werde Licht“ (Gen 1,3). Aber noch immer ist die Schöpfung unvollendet. Und sie erliegt immer wieder der Gefahr chaotischer Mächte. Nach biblischer Überzeugung ist der Mensch aber nicht nur ein Teil der Schöpfung, sondern als Ebenbild Gottes ist er gleichzeitig berufen, die Welt mitzugestalten. Dies ist eine Aufgabe, die Tag für Tag bewältigt werden will. Darauf verweist die zweite Strophe. Jeder Tag, so Jesus, hat genug an eigener Plage (Mt 6,34b). Das Maß und die Richtung unserer Mitverantwortung gibt wieder der Kehrvers an: die Welt sehen, wie sie von Gott her zu sehen ist. Das mag den Glaubenden und den Singenden Ermutigung genug sein.

Leben in der Schöpfung ist ambivalent. Die dritte Strophe führt diese Erfahrung weiter, löst sich von den biblischen Bildern und findet in unsere Alltagssprache mit der Bitte an Gott: „Stärk uns den Rücken“. So schlägt der Text einen Bogen von der Glaubenserfahrung Israels bis in unsere Gegenwart und bleibt ihr verantwortli

ch treu. Dies gelingt nicht zuletzt dadurch, dass hier stets ein (biblisch) verantworteter Glaube durchscheint, der Gott nicht zum Gehilfen der eigenen Anliegen macht. Die Bitten richten sich nicht an Gott, damit er die Probleme für die Menschen löst oder die Hindernisse aus dem Weg räumt. Vielmehr wird Gott um Zuversicht, Stärke und Treue gebeten, damit der Mensch Gottes Wege erkennen und gehen kann, etwa in dem Sinn wie es Dietrich Bonhoeffer formulierte: „Gott nimmt uns nicht die Last von den Schultern. Aber er stärkt unsere Schultern, damit wir die Last tragen können.“

Es bleiben stets dieselben Fragen, und wir schöpfen noch immer aus derselben Quelle des Glaubens, wie es das Lied zeigt. Aber es bleibt auch die Treue Gottes, die er denen nicht entzieht, die ihm vertrauen. Diese Botschaft wird auch von der Melodie der Strophen in a-Moll gestützt und durchgängig klangvoll getragen, damit sie diejenigen tragen kann, die sich dieses Lied zu Eigen machen.

            Peter Iwan, Schwerte