Gesungene Gebete

Manchmal

„Fehlen“ und „wünschen“ – zwei Pole, die meine Seele in Spannung versetzen. Die Spannung kann unerträglich werden. Sie kann mich zerreißen oder ausbrennen.

„Fehlen“ – Ständig begleitet mich das Gefühl des „Zu wenig“: Ich leiste zu wenig, ich glaube zu wenig, ich liebe zu wenig, ich bete zu wenig….

„Fehlen“ – Wenn ich genauer hinsehe, spüre ich, dass das „Zu wenig“ mir selbst gilt: im Grunde meines Herzens traue ich mir nicht. Meine Liebe zum Nächsten, zu Gott und zur Welt greift nicht, weil ich meine Selbstliebe nicht kultiviere.

„Wünschen“ – gegen alles Wissen weiß ich: Mein Leben ist gut. Ich bin gut. Ich werde geliebt, geachtet, wertgeschätzt.

„Wünschen“ – Ich kenne die Stimme von ganz innen: „Du bist meine geliebte Tochter, du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen habe.“

Fehlen und wünschen - die Spannung kann fruchtbar werden, Strom erzeugen, Kräfte freisetzen. Es ist der erlösende Blick über mich hinaus. Der Blick auf das „Du“. So kann ich in der Spannung aushalten, kann darauf vertrauen: „Du für mich“. Und mein Mangel wandelt sich in Fülle.

Helmut Schlegel OFM, Frankfurt