Gesungene Gebete

Gott, behüte uns

Im Jahre 1979 fand man bei Ausgrabungen an der alten Stadtmauer von Jerusalem in einem Knochenkasten zwei kleine Rollen aus Silberblech. Sie wurden wahrscheinlich als Amulett getragen. Ein Amulett ist ein religiöses Schmuckstück, das Schutz und Glück bringen soll. Beide Rollen enthalten Texte in althebräischer Schrift. Die kleinere von den beiden ist nur 11 x 39 mm groß!

Drei Jahre hat es gedauert, bis die Kunstwerke aufgerollt und wenigstens teilweise entziffert werden konnten. Es handelt sich um die bisher ältesten erhaltenen Schriftzeugnisse von Bibelversen in einem nicht-biblischen Text. Vermutlich stammen sie aus dem 7. Jahrhundert vor Christus, also noch vor der Eroberung Jerusalems in den Jahren 586/587. Damit bestätigen sie, dass viele bedeutsame Bibeltexte sehr alt sind.

Was konnte entziffert werden?

Auf beiden finden sich wiederkehrende Segensworte. Sie zitieren die Zusage Gottes für Schutz vor dem Bösen nach dem ersten Gebot und vor allem die älteste Fassung des bekannten Aaronsegens aus dem Buch Numeri 6, 24-26:

JHWH (DER HERR) segne dich und BEHÜTE dich.

Und damit sind wir bei unserem Lied: GOTT BEHÜTE UNS!

Das ist der wiederkehrende Text jeder Strophe – am Anfang und am Schluss:

GOTT BEHÜTE UNS!

Was der uns unbekannte Mensch damals „auf der Haut“ getragen hat: die Bitte um Segen und das Behütetsein, ist auch die zentrale und alles umrahmende Bitte des Liedes.

Behütet sein: Die Etymologie des Wortes verweist – anders als meist auf den ersten Blick vermutet wird – weniger auf die Kopfbedeckung. Die indogermanische Wurzel *hodija– „hüten“ meint vor allem und in erster Linie Geborgenheit, Fürsorge und Bewachung.

Im Lied bitten wir Gott, dass er auf uns aufpasst, dass er auf uns Acht gibt, dass uns kein Schaden zugefügt wird – und dass wir keinen Schaden anrichten! Wir bitten ihn um Schutz und Halt, um Licht, um Hoffnung, um Zuversicht.

Wir bitten ihn in diesem Lied auch um Schlaf. Schlafen können nur diejenigen, die nicht die ganze Zeit selber mit hoher Wachsamkeit auf sich selber aufpassen müssen. Die heutige Gesellschaft wird von einem Zeitdiagnostiker (Byung-Chul Han) als „Müdigkeitsgesellschaft“ diagnostiziert. Er meint damit eine Gesellschaft, die sich über beständige Angst, etwas zu verpassen und durch Multitasking in eine beständige Hyperaktivität und Burnout hineinmanövriert hat.

Der Philosoph attestiert uns Menschen von heute eine beständige Wachsamkeit wilder Tiere in freier Wildbahn. Wir sind geprägt von der ständigen Sorge um das reine Überleben. Viele Menschen können deswegen gar nicht mehr oder nur schlecht schlafen.

Was wäre aber, wenn es einen guten Gott gäbe, der auf uns aufpassen würde, dass wir nicht Schaden nehmen? Was wäre, wenn es einen guten Gott gäbe, dessen Segen wir uns überantworten können? Was wäre, wenn wir uns in die Arme Gottes fallen lassen könnten, damit er für uns sorgt und wir keine Gefahr laufen auszubrennen?

Das Lied spricht uns aus tiefster Seele: GOTT BEHÜTE UNS!

Wir stimmen damit ein in die uralte Tradition gläubiger Menschen. Es legt uns die Bitte in den Mund, die uns die Heilige Schrift bereits als Zusage, als festes Versprechen Gottes für Segen und Geborgenheit für immer und ewig gegeben hat:

„Der Herr sprach zu Mose: Sag zu Aaron und seinen Söhnen: So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu ihnen: Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen und ich werde sie segnen“ (Num 6,22-27).

Christoph Jacobs, Borchen