Gesungene Gebete

Unter uns

Unter uns – der Lebendige ist unter uns

„Uns gehen die Augen auf über einem Stückchen Brot.“ So die erste Zeile des Liedes. Die Jünger werden wohl kaum mit geschlossenen Augen beim Abendbrot mit Jesus am Tisch gesessen haben. Aber warum dann diese Aussage? Schauen wir uns die Geschichte hinter dem Lied doch mal etwas genauer an.

Der Liedtext versetzt uns unmittelbar in eine der ergreifendsten Erzählungen im Neuen Testament. An dieser Weggeschichte, die in der Leseordnung stets am Ostermontag verlesen wird, ist so viel Trauer und zugleich so viel Hoffnung.

Lukas erzählt am Ende seines Evangeliums, wie zwei Jünger, nach dem Tod Jesu und der Botschaft der Engel am leeren Grab, auf dem Weg nach Emmaus sind. Sie unterhalten sich auf ihrem Weg über die Ereignisse, die geschehen sind. Trauer und Schmerz bewegt die beiden Männer. Hat ihr Leben noch einen Sinn? Wie soll es ohne ihren Herrn weitergehen? Mit dem Erlebten kommen sie nicht zurecht.

Mit dem Tod Jesu hat sich alles erledigt, worauf sie gehofft und woran sie geglaubt hatten. Jesu selbst gesellt sich auf diesem Weg zu ihnen, als ein fremder Weggefährte. Geht mit ihnen. Hört ihnen zu. Spricht mit ihnen. Aber sie erkennen ihn nicht. Stattdessen erklären sie ihm traurig, dass der Prophet Jesus gekreuzigt wurde und eigentlich wiederkehren wollte, um Israel zu erlösen. Doch ihrer Meinung nach passiert nichts.

Jesus begibt sich mit ihnen auf den Weg. Er deutet ihnen die Ereignisse. Er stellt sie in einen großen Zusammenhang. Erinnert sie an Erfahrungen, die sie gemacht haben.

Vielleicht verzweifelt Jesus an der Blindheit der Jünger und will schon gehen, da bitten sie ihn zum Abendessen zu bleiben.

Als er das Brot bricht, erkennen sie ihn kurz und bemerken auch, wie ihre Herzen brannten, als er unterwegs mit ihnen sprach. Und das ist es. An dieser Stelle wird deutlich, was nötig ist, um wirklich sehen zu können: Das Augenlicht allein reicht nicht. Es ist das Herz, welches sieht und erkennt. Ohne das Herz bleibt uns vieles verborgen, egal wie lange wir hinschauen.

Was wie eine beiläufige Begegnung begann, wird für die Jünger zur Erfahrung beglückender Gemeinschaft. Jesus schenkt sich ihnen im gebrochenen Brot, in der Gemeinschaft des Mahles. Welche Freude, welches Glück strömt da in das Herz. Da wandelt sich im Namen Jesu nicht nur das Brot. Da wandeln sich die müden Glieder und die schweren Herzen.

In ihnen reift die Erkenntnis: Jesus lebt und ist mitten unter den Jüngern, gegenwärtig. Das Brotbrechen, das Teilen des Lebens ist das Geschehen, in dem Jesus erkannt wird. Da gehen ihnen die Augen auf und das Herz. Und aus der Verzweiflung erwächst Zuversicht, was verdorrt war, blüht wieder auf, denn ER ist „mitten unter uns.“

Als Christen vertrauen wir darauf, dass Jesus uns ein Weggefährte ist, wie er es den Emmaus-Jüngern war und wie es auch in vielen weiteren biblischen Erzählungen anklingt. Er deutet die Schrift für mein Leben, lässt mich Zeichen erkennen, die meine Augen und mein Herz öffnen.

Mareike Gerundt, Werne