Gesungene Gebete

Meine Seele drängt zu Dir, mein Gott

Wo meine Sehnsucht wohnt

Von sehr kleinen Kindern kennen wir das: Sie werden müde und dadurch furchtbar unglücklich. Dann wissen sie nicht, wo sie sich lassen sollen. Spüren gar nicht mehr, was sie tun oder lassen könnten. Sie haben keine Vorstellung davon, wo denn die Stelle ist im eigenen Ich, wo eine Hilfe ansetzen könnte.

Wenn wir ehrlich sind, dann sind wir davon immer noch nicht ganz erwachsen. Wir weinen nur nicht mehr so laut. Wir empfinden ein Sehnen. Eine Art Hunger, nicht nach Essen, oder auch Durst. Wir brauchen etwas – was? Ein Wort. Eine Hand. Brot. Einen Blick, der mir gilt. „Verlangen“, würde man es vielleicht nennen und damit keineswegs nur körperliche Zuwendung meinen. Aber auch. Wo, wo sitzt die Stelle im eigenen Ich, die so empfindet?

Das biblische Hebräisch als ursprüngliche Sprache der Menschen, die Psalmen beten, hat ein Wort für diesen Ort, diese Stelle: naefaesch. Das Bedürfnis danach, satt zu werden, wohnt in der naefaesch. Die naefaesch bezeichnet die „Kehle“ genauso wie die „Seele“. Im Psalm 42 ist anfangs die Rede vom Hirsch, der nach Wasser lechzt, das er trinken kann. Dieses Bild der durstigen Kehle beschreibt die Sehnsucht nach Gott. Sie meint die Wohltat eines Schlucks, der den Durst löscht, das Gefühl, einen tiefen Atemzug zu tun, „nichts, was fehlt, in diesem Augenblick“. Das Wasser, das wir trinken, die Luft, die wir atmen, die Hand, die uns berührt: Genau da kann Gott zu uns kommen.

Wenn wir uns also auf die naefaesch konzentrieren, unterscheiden wir uns vom kleinen Kind, denn wir kennen die Stelle, wo eine Hilfe, wo Gottes Nähe ansetzen kann. Erwachsen geworden, sind wir jedoch um eine weitere Erfahrung reicher: Wir halten Gott unsere naefaesch hin wie ein unterwürfiger Hund und er bleibt fern. Der Mystiker Johannes vom Kreuz (1542-1591) beschreibt diese Erfahrung: Der Mensch wird von Gott wie von einer Mutter aus liebevoll bergenden Armen entlassen, auf die Beine gestellt und muss erwachsen werden. Dabei spürt er mitunter: Gott ist fern. Johannes beschreibt das als „dunkle Nacht“.

Aber die dunkle Nacht, die Gottferne, ist für Johannes vom Kreuz immer noch eine Gottesbeziehung. „‚Nacht‘ und ‚Dunkel‘ sind für ihn eher Bilder der Stille, des schweigend-wartenden Horchens und der Sehnsucht des liebenden Herzens“ (Reinhard Körner OCD). Die Seele, die sich nach Gott sehnt: Sie kann warten und ist ungeduldig. Sie erträgt das Schweigen und hofft inständig auf ein Wort. Sie freut sich, wenn ihr Verlangen gestillt wird, und hält ihre naefaesch offen für ihn.

Angela Reinders, Aachen