Gesungene Gebete

Denn im Gebet bist Du uns nah

Aufatmen …

- wenn ein entscheidendes Tor den Verein vor dem Abstieg rettet – aufatmen.

- wenn die befürchtete Diagnose beim Arzt doch gut ausfällt – aufatmen.

- wenn nach langem Schweigen ein erstes Wort möglich ist – aufatmen.

- wenn nach einem Streit die Hand zur Versöhnung gereicht wird – aufatmen.

- wenn die Anklagen verstummen müssen, weil das Urteil lautet: Du bist frei! - aufatmen.

- wenn sich die Tür des Gefängnisses öffnet – aufatmen.

Wer kennt sie nicht, wer ersehnt sie nicht, diese Momente des Aufatmens?

Der Liedtext von Arndt Büssing, der sich an Psalm 32 anlehnt, spricht Erfahrungen an, die auch ich aus Kindertagen kenne. Wie schlimm kann es sein oder kann es werden, wenn man etwas verschweigen, verbergen muss. Ich erinnere mich an die Klassenarbeit in Geographie, die danebengegangen ist und die Lüge, die zum Glück keiner bemerkt hat (wenigstens eine Zeit lang). Und dann ist da auch die zerbrochene Kristallvase, von der ich nicht wusste, wo sie hinkam, als meine Mutter nach ihr suchte und mich fragte, ob ich sie gesehen hätte. Wenn es dann endlich raus ist, wenn die Wahrheit auf dem Tisch ist, dann drückt es nicht mehr so, dann ist man erleichtert und kann wieder frei atmen - aufatmen.

So ist das bei Kindern, und uns Erwachsenen geht es oft nicht anders. Angst haben, dass es herauskommt: das wäre richtig peinlich. Lange kann man versuchen es zu verdrängen, aber das Gewissen - es meldet sich immer wieder. Irgendwie lähmt einen das, zieht einem die Kraft ab und trübt die Lebensfreude. Und welch eine Erleichterung, wenn man endlich sagen kann, was die Wahrheit ist, wenn man vielleicht um Verzeihung bitten kann und diese einem sogar zugesagt wird? Welch ein Aufatmen!

Im Evangelium begegnen wir Menschen mit ähnlichen Erfahrungen. Menschen, die nicht sagen können was sie getan haben und was sie bedrückt. Jesus hat einen Blick für diese Menschen und weiß um deren tiefe Not und er hat ihnen die schwer drückende Last abgenommen. Da ist die Frau, die man auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt hat. Da ist der Gelähmte, den seine Freunde auf einer Bahre zu Jesus bringen, weil er nicht mehr auf die Beine kam, weil ihn etwas so sehr bedrückt, buchstäblich niedergedrückt, gelähmt hat.

Jesus hat sie nicht bloßgestellt, sondern er hat zu ihnen gesagt: Ich verurteile dich nicht. Deine Sünden sind dir vergeben. Steh auf, geh und mach es in Zukunft nicht mehr.

In Jesu erfahren wir wie Gott ist. Er ist ein Gott mit uns und für uns. Er will, dass wir vor ihm da sind, so wie wir sind, ohne Masken, ohne Falsch.

Wo können wir heute diese Erfahrung machen? Jeder kennt Orte, an denen er aufatmen kann.

Für mich ist dieser Ort das Gebet, dass kontemplative Gebet, das stille Dasein und Verweilen vor Gott, dem Gott, der sich schon im Alten Testament Abraham offenbarte als der „Ich bin, der Ich-bin-da“ und der uns in Jesu zusagt: Ich bin da. Ich bin mit Dir. Ich kenne deine Situation und ich teile sie mit Dir.

Einfach Sein, Dasein in der Gegenwart Gottes - Gott nahe sein lassen - das befreit. Diese Erfahrung dürfen wir machen, wenn wir vor Ihm still werden und uns ihm ganz anvertrauen. In seiner Gegenwart ist Aufatmen möglich. Gott sei Dank.

Sr. M. Paulin Fuchs osf, Kloster Sießen