Gesungene Gebete

Guter Gott, vergiss mich nicht

Alleinsein ist nicht immer schn. Man mag manchmal seine Ruhe haben wollen. Oder einen ruhigen Spaziergang allein im Wald oder am Strand genieen. Allein gegen die Meinung oder gar den Spott anderer zu stehen, ist ganz im Unterschied dazu – sozialpsychologisch  gesprochen – eine Situation hchsten Stresses, mehr als nur „unangenehm“, krankmachendes Mobbing.  Noch weit schlimmer kann es sein, wenn eine wichtige Person die Beziehung im Streit abbricht und einen verlsst – oder durch den Tod genommen wird. Aber auch schon eine Meinungsverschiedenheit und Auseinandergehen im Streit kann das kritische Gefhl auslsen, ganz verlassen und einsam zu sein.  

Es gibt sehr verschiedene Formen und Schweregrade von Verlassenheits- und Einsamkeitsgefhlen, die zum Teil mit frhkindlichen Erfahrungen zusammenhngen. Die Fhigkeit, allein sein zu knnen, beschrieb der britische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald W. Winnicott (1896-1971) als eine wichtige frhkindliche Entwicklungsaufgabe und hielt fest: Die Fhigkeit des Menschen zum Alleinsein ist „eins der wichtigsten Zeichen der Reife in der emotionalen Entwicklung.“ (1974 [1958], 36) Er erluterte dazu mit Blick auf ein Kind, das sich in Anwesenheit der Mutter in der Nhe ganz mit sich und etwas anderem beschftigt: „Nur wenn er allein ist (d.h. in Gegenwart eines anderen Menschen), kann der Sugling sein eigenes personales Leben entdecken. Die pathologische Alternative ist ein falsches, auf Reaktionen auf uere Reize aufgebautes Leben.“ (ebd., 42) Im Entdecken seiner selbst lernt das Kind, freier zu werden von ueren Einflssen, statt sich ihnen stndig anpassen zu mssen (mit einem „falschen Selbst“, wie Winnicott an anderer Stelle klassisch formulierte [vgl. Winnicott 1974, 172-200]), aus Angst, allein sein zu mssen. Denn dies lst einen schier unertrglichen Schmerz des Verlassen- und Abgelehntseins aus. Ein erwachsener Mensch, der die Fhigkeit zum Alleinsein entwickelt hat, ist im Gegenteil dazu nach Winnicott fhig, zu sich selbst und den eigenen Impulsen zu finden, wrtlich: „den persnlichen Impuls wieder zu entdecken, und der persnliche Impuls wird nicht vergeudet“ (ebd. 43). Er oder sie  hlt es aus mit sich selbst, ist nicht sofort tief verunsichert, selbst wenn auch er oder sie in dieser Fhigkeit herausgefordert ist. Je nach Schwere der Situation der Einsamkeit oder des Verlustes ist auch die Anstrengung eine andere, mit sich gut genug allein sein zu knnen.

In einer solchen Situation kann auch deutlich werden, in welchem Mae die eigene Glaubensbeziehung zu Gott Teil des „wahren Selbst“ ist und wird oder Teil des „falschen Selbst“, eher Quelle von Kraft oder Anpassung an uere Erwartungen ist, Tiefgang hat oder mehr an der Oberflche geblieben ist, eine ahnende Erfahrung von Liebe oder anerzogene Disziplin. Meist werden „wahre“ und „falsche“ Elemente miteinander vermischt sein – die Spreu trennt sich vom Weizen in der Herausforderung, im unausweichlichen Gegenwind oder gar Sturm der empfundenen Not. Das Lied von Arndt Bssing „Guter Gott, vergiss mich nicht“ knpft an die Ressourcen des Glaubens an, an das Echte eigener Gottesahnungen oder gar –erfahrungen. Es versucht sich in Text und Melodie nicht mit oberflchlichem Trost, sondern wird – auch unter Trnen – zur Bitte um jene Gegenwart, die sich dem Mose im Dornbusch als „Ich bin da“ zusagte (Ex 3,14). Die exilierte jdische Knigin Esther betete in einer Situation schwerster Bedrngnis und bedrohlicher Verlassenheit zu diesem Gott in groer Intensitt: „Herr, unser Knig, du bist der Einzige. Hilf mir! Denn ich bin allein und habe keinen Helfer auer dir. […] Hilf mir, denn ich bin allein und habe niemand auer dir, oh Herr!“ (Est 4,17l.t) Sie konnte allein sein. Sie sprte, sie ist nicht allein – in ihrem Inneren, ihrem „persnlichen Impuls“ war sie verbunden mit ihrem lebendigen Gott, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Oder, wie Winnicott dies mehr andeutete als ausfhrte: bei so Glaubenden – selbst noch beim Verlassenheitsschrei Jesu am Kreuz („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“) – ist der Zustand des Alleinseins etwas, „was (wenn auch paradoxerweise) immer bedeutet, dass jemand anders da ist“ (Ebd. 43).

Klaus Baumann, Freiburg