Gesungene Gebete

So wollen wir leben

So wollen wir leben - das heißt, mehrere Menschen nehmen sich gemeinsam etwas vor. Sie verabreden sich, ja, sie verbünden sich quasi: Wir wollen uns gemeinsam erinnern, wenn sich niemand anderes mehr erinnern kann als wir, dann, wenn es finster wird, wenn alles dunkel scheint, wenn die Orientierung verloren geht.

Ich komme gerade aus dem Café, war gemütlich mit einer Freundin frühstücken. Sie ist eine tolle Frau, die sehr viel Gutes in ihrem Leben bewirkt hat, die sehr gradlinig ist und für ihre Überzeugungen einsteht. Ihr geht es nicht gut. Ihr ist im Laufe ihres Lebens immer wieder Unrecht getan worden. Richtig gemeine Dinge hat sie erfahren. Nicht selten ist sie angeeckt mit ihrer direkten und unverblümten Art. In angenehmen Ambiente sitzen wir da, der Kaffee ist lecker, die Butterhörnchen schmecken. Wir können wie immer offen reden und sind auf einer Wellenlänge. Aber da ist tiefsitzender Ärger über Mobbing, das sie in ihrem Berufsleben erlebt hat. Heftiger Zorn über erlebte Ohnmacht. Bitterer Vorwurf gegenüber Entscheidungsträgern und Gremien.  

Das Lied „So wollen wir leben“ greift solche Situationen auf, in denen Gott als verborgener Gott erlebt wird. Indem anscheinend Böses triumphiert, Wahrheit verdreht wird und Ungerechtigkeit überhandnimmt: Warum passiert das mir, Gott? Warum lässt Du das zu, das immer ich eins auf den Deckel bekommt? Oder gar in Existenznot gerate?  Warum kann ich abends das Grübelkino im Kopf nicht abschalten und aus meiner Negativschleife herausfinden? All das Erlittene kann ich nicht mehr klären. Aber ich kann sie auch nicht loslassen, die ganzen Vorwürfe! Wo bist Du Gott und warum hilfst Du mir nicht? Oder stehst anderen bei, denen es genauso geht? –

So wollen wir leben – wenn sich jemand nicht mehr erinnern kann an ein tröstendes, heilsames, ermutigendes, aufrichtendes Wort aus Deinem Mund, Gott, wenn Verzagtheit, Verzweiflung, Wut oder Hass die Oberhand gewinnen, –  dann wollen wir Dein Spiegel sein.

Aus uns selbst heraus können wir nicht leuchten. Aber als Christen können wir – so wie der Mond von der Sonne angeleuchtet wird –  in die Dunkelheit Helligkeit hineinbringen. Indem wir uns von Gott anleuchten lassen und ihn widerspiegeln. 

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege, heißt es in Psalm 119,105.

In der Bibel erfahre ich viel über Gott, über Versöhnung, Frieden, Güte und Hoffnung. Im Austausch mit anderen – auch über Konfessionsgrenzen hinweg – entdecke ich, ich bin nicht alleine unterwegs. Das lässt mich staunen, freut mich und macht mir Mut. Manchmal fühlt man sich allein auf weiter Flur und braucht Beistand von anderen. Heute konnte ich unterstützen. Aber genauso habe ich es selbst schon durch andere erlebt: Versöhnung auf den Lippen, Frieden in den Händen, Güte in den Augen, Hoffnung in den Händen. Nicht uns selbst heraus. Sondern im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Das stimmt (= Amen).

Astrid Giebel, Diakonie Deutschland im Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung e.V.