Gesungene Gebete

Wie könnten wir verloren gehn

tvd Verlag, Düsseldorf

Sicher kennen Sie dieses Gefühl... Wenn Sie stundenlang etwas gesucht haben, was Ihnen wichtig und was sie ganz dringend brauchen, es aber trotz aller Blicke in alle Ecken und Winkel nicht finden können. Und wenn Sie das Gesuchte dann plötzlich und unverhofft finden, vielleicht gerade genau da, wo sie es schon zigmal gesucht, aber jedes Mal übersehen haben. Erleichterung, Freude, Dankbarkeit, eine Last fällt ab. Sicher kennen Sie dieses Gefühl...

In diesen Tagen, Wochen und Monaten der Corona-Pandemie gibt es immer wieder Momente, in denen ich mich verloren fühle. Weil ich unsicher bin über den Fortgang der Pandemie, weil es unklar ist, wie diese oder jene Prozesse im beruflichen Kontext neu oder anders gestaltet werden müssen, oder weil ich fürchte, auf Liebgewonnenes verzichten zu müssen. Sicherlich spielt dabei immer auch die Sorge von Verlust eine Rolle. Wie gut täte es da gerade jetzt, die Zeilen dieses Liedes gemeinsam zu singen und sich dadurch seiner Botschaft zu vergewissern, dass wir nicht verloren sind in dieser Zeit der Verunsicherung, einer Zeit der Änderung lange gewohnter Routinen, einer Zeit der Krankheit, des Leidens und, gerade weltweit betrachtet, des Sterbens. Und dass, wenn wir uns verloren fühlen, spüren, dass da jemand ist, der uns mit drängender Sehnsucht sucht.

Die Erfahrung, mit seinem Glauben allein, gleichsam auf „verlorenem Posten“ zu stehen, gehörte immer schon zum Erfahrungsraum des Christseins. Jeder und jede von uns kennt neben dem Erfülltsein im Glauben auch Zeiten der Gottesferne und das Gefühl, verloren gegangen zu sein. Diese Vereinzelung im Glauben kann ich als außergewöhnlich, als bedrohlich oder sogar als gottverlassen empfinden, aber - ist sie es tatsächlich?

Die Minderheitensituation von Christen entspricht nüchtern weit eher dem biblisch-apostolischen Normalfall als eine in der Fläche verwurzelte Volkskirche. Insofern muss uns die Erfahrung der Nicht-Relevanz, welche die Kirchen in der Pandemie drastisch erfahren, nicht verunsichern. Mag auch etwas von Gewohnten durch die Pandemie verloren, sei es Einfluss, öffentlicher Zuspruch oder Geld, so kann doch eines nicht verloren gehen: Gottes Liebe zu seiner Schöpfung und zu seinem Geschöpf Mensch.

Vielleicht braucht es in diesen Tagen, Wochen und Monaten der Corona-Pandemie gerade jetzt das Aussprechen der Zusage, von der das Lied spricht. Durch Gott, in Gott und mit Gott steht unser Leben eben nicht auf „verlorenem Posten“. Er gibt uns nicht verloren, sondern sucht uns, geht uns nach. Unsere Aufgabe ist dann, die Hoffnung weiterzutragen, dass der Schöpfer zu seinem Geschöpf steht, dass er den Menschen liebt und bei ihm ist, nicht immer sichtbar oder rational verstehbar, aber schützend, bergend und unverbrüchlich treu. Der mir auch in der Zeit größter Schwierigkeiten und Sorgen sein Wort gibt: Ich lasse Dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Ich wünsche Ihnen auch dieses Gefühl –gefunden worden zu sein.

Simon Rüffin, Paderborn (Juli 2020)